Fragmente – Träume – Näherungen

Fragmente – Träume – Näherungen

Prosaschnipsel, entstanden Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre. Museumsrundgänge in München, Liebe & Leid, mythologisierendes Sprachgebastel… Einiges ist grad zum Davonlaufen, bei anderem stelle ich fest, daß meine Sprachkompetenz nicht wirklich zugenommen hat seither *schulterklopf* Ob ich den Text noch einmal weiterführe, ob ich die Geschichte von Kulle, dem kleinen Troll einmal fertig erzähle oder die meines eigenen, damals verkitschend vorweggenommenen Endes – mal sehen…

Segment eines Amphitheaters. Sich loslassen. Treppen hinabrollen, auf der gegenüberliegenden Seite wieder empor, zurück, – sich den Gesetzen der Kinetik gemäß einpendeln am Tiefpunkt, Mittelpunkt, unmerkliche Schwingungen zuletzt, zerschmettert liegenbleiben. Da, wo die anderen stehen und starren. Ist was?! Ist es nicht normal, hier zu lehnen, den Puls der Schläfe am sicheren Mauerstein, und hinabzuträumen? Ärmlinge, die ihr an diesen Stufen nur die Zahl bewundert, die euch den spärlichen Atem nimmt. Ich gehe hinunter, stolpere über den Frauenkopf, der plötzlich daliegt, aufgerissene Augen, zerfetzter Halsansatz, eingetrocknetes Rot. Er poltert, Nase auf Stufe, Ohr auf Stufe, hinab, hinauf, schwingt aus. Frißt sich durch die Steinplatten des Aufgangs. Leises Zischen, Blasenwurf im Marmor. Weg. Das Pärchen, das mir entgegensteigt, kichert und knutscht, die runzlige Alte tastet unbeirrt mit dem Stock Stufe um Stufe. Werde mich wohl getäuscht haben.


Judith. Hätte mich fast verliebt in sie. Wie leicht sie das Schwert hält – außerhalb des Bildes muß es noch einen Auflagepunkt haben. Der Dummkopf in ihrem Arm ist schon ausgeblutet, leer, sieht nicht die Brust über ihm. Sieht weg und röchelt noch eingefroren. Wenigstens hat er diese Hand nicht beschmutzt. Promenade. Francesco Salviati gab seinen Figuren häßliche Zehen! Promenade. Bin ich zu stumpf für die „Klagen der Uhr“? Promenade. Giordanos Cyniker – auch ohne Titel hätte ich ihn erkannt. Seine Schriftrollen sind zerknittert. Er hat sie gelesen und gelernt, über sie hinwegzusehen. Promenade. Nr.524; Bildnis eines jungen Mannes. Diese Diskrepanz der Gesichtshälften! Bis zur Nasenwurzel aufwärts – welch Mensch! Auch die Augen noch. Aber der Rest Erbe einer verweinten Hysterikerin oder einer Kuh. Unproportionierte Stirn. Der streifige Pelz, grünspangesprenkelte Haut. Seine Hand? Leichenhand, morbider noch als das Gesicht. Schemen im Hintergrund lassen alte Mauergewölbe ahnen.


Der Museumswächter hat Mittagspause. Vorher sah ich ihn noch umgehen im Rubenssaal – fremd, verloren, pflichtschuldig, müde. Jetzt frißt er Wiener. Zuzzelt schalen Senf aus Plastiktütchen. Ein kulturgesättigter Kloß mit dünnen Beinen, die in blauweiße Ringelsocken auslaufen.Die Füße eng geschlossen – Tanzstunde, Walzergrundstellung. Die ältliche Dame neben ihm verwechselt blaue Uniform und Abglanz der Kunst, kokettiert mit virtuos über die gelbfleckigen Zähne gefalteten Lippen. Der Kaffee ist einfach schlecht. „Ist hier noch Platz für zwei Menschen?“ – Oh nein, die dicke Amerikanerin, die sich vorhin prostituierte, erbärmliche Kohleskizzen der Apostel schraffierend. Ergeben ziehe ich mein Tablett zu mir her, murmele etwas wie „Aber sicher“ und betrachte unauffällig ihren Begleiter. Gepflegter Spitzbart, intellektueller Habitus. Elegant, dabei dezent künstlerisch angegammelt. Nur leider nicht echt dabei. Ein Liebhaber von Kunst und perversen, dicken Weibern. Sie preisen die bildliche Dynamik eines roten Farbkleckses, einsam gesetzt in eine Menge schwarzer Punkte auf weißer Leinwand. Mühsam halte ich den faden Kuchen in meinem Gebiß. Das Grinsen verbeißend trage ich mein Geschirr fort und gehe.


Wie unwirklich das alles wieder einmal ist. Wie absurd, wie lachhaft tragisch, dunkelschön. Unentbehrliche morbide Schönheit, wie gehabt. Gekonnt beiläufiger Abschied, verhaltenes Aneinanderlegen zweier Arme. „Komm noch gut heim, und schlaf gut.“ – „O.K. Du, bis bald.“ Und plötzlich dieses kaum merkliche Zucken in einem der Arme, spastischer Ausbruchsversuch eines monatelang niedergehaltenen Gefühls. Die blindwütige Umarmung. Überrumpelt raschelt eine Regenhose, ein kleiner Rucksack rutscht ab, fängt sich gerade noch zwischen pressenden Oberarmen. Der Blick ins Treppenhaus, auf die sichtbare Ecke der Aufzugtür. Nein, jetzt wirst du wohl hierbleiben. Ein Kopf, in meine Achsel gegraben, den schutzlosen Aufblick meidend. Der Intervallschalter nimmt endlich die Treppenbeleuchtung zurück.


Erinnerung an eine andere Szene, andere Hände. Hände, die sich erschöpft ineinanderlegten, lächelnd über die Schwere des Gestehens. „Ich fürchte, ich habe mich in einen verrückten Cellisten verliebt.“ Ich hatte meine Kerze ausgeblasen, Du hieltest sie an Deine, gabst ihr die Möglichkeit, weiter niederzubrennen. Kopf an Kopf wortlos die Flammen sterben sehen. Sich selbst sterben sehen. Leises Streichen von Fingerkuppen, die die Topographie der fremden Züge erkunden. Am anderen Morgen hatte der gläserne Kerzenhalter einen Sprung.


Bei dieser Beleuchtung spiegeln sich meine Augen in meinen Brillengläsern, übergroß, verschwommen, leer, nur die hilflosen langen Wimpern sind deutlich. Reicht das? Meine Hände, mit denen ich so oft nicht weiß, wohin – fahl, faltige Haut, das unproportionierte Hauptgelenk des Mittelfingers, Zeigefinger, die mein Instrument sich zurechtbog, die Reste nordischer Brandblasen – ich weiß ja nicht. „Die Stirn eines Homo sapiens“? – Wenn du wüßtest. Ja, es gab eine Zeit, wo sich Gedanken hinter ihr türmten, vorbereitend. Doch die Jahre des intellektuellen Suizids schufen Aschenberge; Wildgans, Graugans, Klageruf ersetzten den Phönix. Es blieb die Fähigkeit des Sehens. Ereignisse, Fragmente, deine Augen – eingespeist in separiert unkontrollierte Kreisläufe. Warten auf den Kurzschluß, den Über-Orgasmus, der alles hinwirft, widernatürlich gemengt auf’s Papier. Erkauft mit dem Un-Fühlen des abgekapselten Beobachters.

Oft, wenn ich mit B. schlief (Warum fangen sie alle mit B an, ich werde Indizes einführen müssen), erwischte ich meine Augen, die verhaltensforscherisch ihr Gesicht, ihre Regungen sezierten, in ein Erregung-über-Zeit-Diagramm umsetzten, amüsiert, gelangweilt, ausgeschlossen.

Kälte. „Die Welt ist ein Kühlschrank“. Ein schlechter Film. Danach das Neckarufer. Ein großer Mensch, ein kleiner Mensch, verknotet zu einer grotesk schiefen Silhouette. Warum haben wir uns nicht im Sommersemester kennengelernt? Sieh die Schwäne, wie sie schlafen auf dem Neckareis. Nur zwei sind noch wach, spiegeln uns, bewegen weiße Sinnlosigkeit über das Wasser. Widersprechen vergebens dem Dunkel. „Schau – heute sind uns sogar ein paar Sterne bewilligt worden.“ Der Mond ist schmal, zweifelnd. Unsere Hände sind sicherer geworden, wagen es bereits, sich am Anderen festzuhalten, ihn festzuhalten, Realität zu erzwingen. Mein Mantel ist zu dünn und reicht nicht ganz für zwei.


Du bist eigentlich gar nicht mein Typ. Gehörst zu den Frauen, wie ich sie kenne von der Costa Brava, Strandschläfer, angegammelte Kifferhorden (Wasserpfeife aus Melone, Zuchini, Möhre und Isolierband). Aber abgesehen davon, daß du dich zu Gott geflüchtet hast vor dir und der Welt und mich bekehren willst zum „Glauben“ – du bist mehr als ein Schmetterling, anmutig in seinem bemühten Tanz. Ich kenne keine Augen wie deine. Der Glanz des Wahnsinns, von Haschisch, erbarmungslos weit offen, klar und durchdringend wie eine Verhörbeleuchtung. Wolltest dich töten schon mehrfach. Ich fühlte, daß mein Spiel deine Grundlagen aushebeln würde. Ausgeliefert meinem überlegenen Kopf, der dich widerlegte stückweise. Du gingst weg von München, fühltest die Gefahr, wolltest fliehen vor mir. Nun haben sie dich in die Psychatrie gesteckt, ich weiß nicht wo, und dein letzter, kurzer Zettel mit der unruhigen Schrift ruht in der Blechkiste bei meinen anderen Briefen.


Also das war’s. Du kannst nicht mehr. „Kleine Karriere-Studentin“ – so sah ich dich anfangs. Zurecht. Du wirst nie herausfinden aus dir, hast dich anders, noch effektiver eingemauert als ich. Empfindungen überfüllen dich, sagtest du einmal. Warten müßtest du, bis sie abklingen und faßbar werden der Sprache, deinem einzigen Medium. Mit dem Wolf kannst du nicht leben? Sollst du auch nicht. Der Wolf hätte sich gefreut; hätte sich gefreut über kühle Hände mit einzeln eingecremten Fingern, wenn er zurückkam, rauchstinkend aus den Wäldern. Hätte sich gerne bei dir in die Ikone verwandelt, die dein Bild von ihm war. Wäre der sanfte Jüngling mit den traurigen Augen hinter langen Wimpern gewesen, der mit der melancholischen Handhaltung, der verrückte, intellektuelle Cellist. Vielleicht hätte er sogar vergessen, daß selbst in ihm ein paar Reste Mann sind und hätte deine Altweiberkeuschheit gewahrt. Wollte in dir ein wenig Ruhe und Ordnung finden für das Chaos in ihm. Wollte dich als Verstärkung für sein Gehirn, überwuchert vom Blindwuchs unbeherrschten Traums. Ging nicht. Ging vorbei. So wirst du denn weiter an deinem akademischen Aufstieg basteln, wirst rigidere Formen der Selbstkontrolle und subtilere der Kompensation finden, wirst dich irgendwann umbringen oder vergessen, daß du dich belügst.


(((Nachtrag, viele Jahre später: da lag ich falsch, soweit ich weiß. Gut so.)))


Im Englischen Garten steht eine Bank. Halbrund, steinern, nicht besonders einladend. Die moosschattige Inschrift gemahnt an die Zeit, da hier „Wald nur und Sumpf“ waren. Von den Wegen der vielen ist sie getrennt durch einen Wassergraben, neidisch sieht die Erholungsprozession den Einsamen – ihre Intelligenz reicht nicht, den Um-Weg zu finden, ihre Trägheit hält sie in den gefügten Bahnen. Neulich wollte ich dich hier treffen. Gerade erst begonnen hatten wir, wir zu sein. Ängstlich und wirr. Als ich ankam, warst du noch nicht gekommen, dafür war die Bank besetzt. Ich schmiegte mich an die konvexe Seite der Rundung, fand Halt auf schmalem Sims, dämmerte, wartete. Dann der Laut: nörgelnder Saxophonschrei, gepreßte Trompetenklage. Die beiden versifften Typen in meinem Rücken nutzen die Kulisse der Buchen als Probenraum. Guten Blues bringen sie aus emotionsvollen Bäuchen, und nur noch ein wenig unwirklicher wird der dämmernde Park, als eine schattenhafte Figur auf der anderen Seite des Grabens deinen Schritt hat.


Als wir das erste Mal miteinander schliefen – heilig (man verzeihe die Schein-Paradoxie) wird mir die Nacht bleiben. Behutsam, zart, wie einem Kind, hattest du mir die Unterhose – deren geschmackloses Gelb man nicht mehr sah im gleichtönenden Dunkel – abgestreift. Sie achtlos, Nebensächlichkeit das, hinter dich aus dem Bett fallen lassen. Dann knietest du über mir. Sanft, lächelnd, scheu, manchmal unterbrochen von ungläubigem, zärtlichem Auflachen. Ohne den erniedrigenden Zwang des Orgasmus, ein wenig melancholisch, eingedenk dessen, der bislang an meiner Stelle lag. Auch, weil es das Ende jener körperlosen Spannung bedeutete, die zwischen uns herrschte bis da. Dennoch kein Bruch, kein schuldbewußtes Wegblicken am Morgen – statt dessen Bestätigung im gewisseren, jalousiengebrochenen Licht. Wieder warst du über mir, und in deinem Gesicht war eine seltsame Mischung aus Neugier und Mitleid, Scheu und Erwartung, während du mich langsam eingrubst in dich. Umkapselter, nach Bienenart unschädlich gemachter Fremdkörper, ich – ausgeblendet aus dem Bildnis des Bösen. Ich – wiedergegeben dem Leben, verneint in meiner verneinenden Existenz. Und dein bebendes Zucken, als meine hilflosen Lippen die größeren deinen kreuzten.


Das fahle Licht einer kurzen, nordischen Spätsommernacht lag über dem Bjerdafjell. Klar standen die Umrisse gletscherbedeckter Berge im rötlichen Horizont. Einen Weg gab es hier nicht mehr. Nur hier und da hatte jemand nachlässig ein paar Steine aufgeschichtet – doch die Türmchen, die man in einer Nebelbank leicht für kauernde Menschen halten konnte, bildeten nur für den eine sinnvolle Linie, der den Weg über das Ödland ohnehin schon kannte. Der Bewuchs hier oben ist spärlich. Heidekraut, Moos, Flechten, Blaubeergestrüpp. Alles gegen den Strich gebürstet vom wechselhaften, allgegenwärtigen Wind. Tundra, durchsetzt von den schwarzen Feldern aus Lavaasche, in denen sich nur vereinzelte runde Flecken Arktischen Thymians eingefressen haben.


Eine seltsame Gestalt bewegte sich über die Hochebene. Das Stückchen Sonne, das bereits wieder über die Gletscherkuppen lugte, warf einen unförmigen, nach hinten beulenartig erweiterten Schatten zwischen die Steine. Kulle, der Troll, ging einen schweren Weg. Vor allem seine pelzigen, überdimensioniert großen Füße. Wund waren sie und müde, eine der langen Greifzehen hatte er mit einem Tuchfetzen umwickelt, der mittlerweile von dunkelbraun vertrocknetem Blut getränkt war. Trotzdem war der Rhythmus der kurzen Beinchen gleichmäßig, und das Tempo für solch einen kleinen Kerl beträchtlich. Die Beine stachen dürr und haarig aus einem dicken Wanst hervor, der unter einem schaffellenen Etwas und einem fast eitel wirkenden Reiseplaid in seiner ganzen Feistigkeit gerade noch zu erraten war. Im darüber befindlichen haarigen Gezause fanden sich unvermutet zwei dunkle, melancholisch aber klar blickende, tiefe Augen. Der eine lange Arm baumelte unentschlossen und losgekoppelt vom Rhythmus der Beine herab, der andere war aufwärts gebogen und versuchte, ein monströses Bündel, das den Bauch seines Trägers an Volumen um ein Vielfaches übertraf, im Gleichgewicht zu halten.


Das Zwielicht der Nacht war zusehends vergangen, die Schatten härter geworden. Kein Nebel, kaum eine Wolke. Ausgerechnet jetzt. Kulles sorgenvoller Blick begann, das Gelände nach einem Lagerplatz abzusuchen. Eine Gruppe von Felsen, eine von vielen, die einst ein Gletscher lustlos hatte liegenlassen, schien ihm geeignet. Er bog ab vom imaginären Weg und stapfte hinüber. Noch einmal drehte Kulle sich im Kreise, untersuchte sorgsam den Horizont auf Verdächtiges, dann trat er zwischen die mächtigen Basaltblöcke. Gut gewählt. Niemand würde ihn hier sehen, niemand ihn hier suchen, hoffentlich. Ächzend setzte er sein Bündel ab und ließ sich danebenfallen. Puhh. Ein ordentliches Stück war er weitergekommen heut nacht. Und müde war er. Zu müde zum Essen. Den Kopf an den großen Ledersack neben ihn gelehnt, einige Haarzotteln zur Verdunkelung vor die Augen gestrichen – dann war er eingeschlafen. Ruhelos bewegten sich seine Zehen in schweren Träumen.


Auf Bjellstadir trat der alte Mann vor seine Hütte. Ein seltener Morgen. Die Sonne schien ungewohnt warm. Geradezu verdächtig, hier, in dieser Weltgegend. Normalerweise herrschte jetzt schon das übliche, diffuse Gemisch aus Nebel und Nieselregen, schwachem Licht und kühler Feuchtigkeit. Aber in diesem Jahr war ja anscheinend alles etwas anders als sonst, und selbst er, den die wenigen noch im Land verbliebenen Sänger als den kundigsten Weisen priesen, hatte Mühe, die Fülle seltsamer Vorzeichen zu begreifen. In komplizierte, etwas ungeordnete Gedanken versunken, spielte der Alte mit seinem Bart. Früher hatte er diesen Bart gehaßt – aber sein Meister hatte nicht nachgegeben: zum Skalden gehörte ein wallender, dereinst weißer Bart. Nun war er längst kein Skalde mehr, hatte die alten Lieder endgültig mit den Büchern der Weisheit vertauscht – und sein Bart war ihm weiß geworden und vertraut. Selbst die Essensreste, die sich ständig in ihm ansammelten, kümmerten ihn nicht mehr.


Ein sanfter Stoß in den Rücken riß ihn aus seinen Grübeleien. „Greilja, Alte, hast ja recht.“ Die Ziege mit dem faltigen Hals und dem schon etwas abgeschabten Fell rieb verschmust ihren großen Kopf mit den klugen Augen an ihm, während seine Hand sie zwischen den Hörnern kraulte. „Gleich, gleich. Komm ja schon.“ Greilja ließ ein befriedigtes Meckern hören, als der Alte sich umwandte und bedächtig zum Stall hinüberging. Er nickte im Vorübergehen dem dicken, graugestreiften Kater zu, der die ungewohnte Wärme höchst angemessen fand und, zu doppelter Länge gestreckt, sich auf der Umzäunung räkelte. Ein wohliges Geknurre erscholl als Antwort. Hühner rannten umher und nahmen ihren Herrn nur ungenau zur Kenntnis. Vor der Stalltür erhob sich Askja, die Graue, halb Wolf, halb Hund, machte eine langgezogene Verbeugung und verzog ihre Leftzen zu einem freundlichen Grinsen, bei dem wohl jeder außer dem Alten das Weite gesucht hätte. Der aber beugte sich zu ihr nieder – weit mußte er sich nicht bücken, obwohl er immer noch ein großer Mann war – nahm ihren Kopf in beide Hände und ließ sich durchs Gesicht schlabbern. „So, Dicke, fort mit dir. Laß mich mal an die Tür.“ Im Dämmerlicht des Stalls warteten bereits ungeduldig die beiden Schafe und eine Kuh, die, wie fast alle Bewohner des kleinen Gehöfts, nicht mehr die Jüngste war. Der Weißbart machte sich an den Heuballen zu schaffen, doch bevor er noch seinen Tieren ihr Frühstück servieren konnte, unterbrach ihn etwas.


Ein langgezogenes Geheul drang schwach aus der Ferne heran, stieg, schwand, wiederholte sich und hatte eindeutig alten Wolfsklang. Und als der Alte vor den Stall trat und hinlauschte gen Süden, wo es herheulte, umfing eine diffuse Schwärze bereits die Hälfte des südlichen Himmels, war nicht Wolke noch Nebel und wuchs. Den Alten fröstelte. Die Anspannung der letzten Zeit war nicht unberechtigt gewesen. Seine Ahnungen begannen, sich zu bewahrheiten. Er schüttelte langsam den Kopf, zweifelnd, aber auch spöttisch, und ging wieder hinein zu seinen Tieren. Ein neuer Feind müßte es sein, der Bjellstadir und seinen Bewohnern etwas anzutun vermöchte. Ein sehr neuer. Das Geheul war verstummt.


Als Kulle erwachte, war er entsetzt. Schon wieder Nacht? Hatte er so lange geschlafen? Aber es war nicht Nacht. Irgendetwas nahm der Sonne ihre Kraft und legte schwächliches Leichenlicht über das Land. Kulle wußte, daß ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Er streckte seine völlig zerschlagenen Knochen und öffnete sein Bündel. Auf der Innenseite der Lederdecke war eine Unzahl kleiner Beutelchen festgeknotet. Die knollige Trollnase fuhr die Reihen entlang und wählte mit Bedacht ein Beutelchen aus. Eine Handvoll Wurzeln förderte Kulle zutage und begann, sie zu verzehren. Auch im ledernen Wassersack blubberte es noch ein wenig, und als Nachtisch fanden sich in einem anderen Säckchen getrocknete Beeren. Unter anderen Umständen hätte es eine gemütliche Reise sein können, dachte Kulle, so gut war er mit allem ausgestattet, was man so braucht als fahrender Troll. So aber… Er vermied es geflissentlich, zum Himmel aufzusehen. Seufzend schnürte er seine Habe wieder zusammen, öffnete das Bündel dann aber noch einmal. Einer plötzlichen Eingebung folgend, kramte er ein längliches, in gefettetes Leder sauber verschnürtes Päckchen heraus, betrachtete es ehrfürchtig und verbarg es hastig unter seinem Schaffellwams.


Dann lud Kulle, einen Schmerzensschrei unterdrückend, sich seine Last auf den Buckel und tapste eiligen Schrittes weiter, nordwärts. Nicht einmal umgesehen hatte er sich. Die Hochebene lag gelblich und fahl vor ihm, der Horizont war aschgrau und zerfloß mit den Gletschern. Jenseits der Berge lag sein Ziel. Und er mußte bald dort sein. Neidisch sah der kleine Troll einer Schar Raben nach, die krächzend auf laut schwarzen Schwingen ihm voraus nordwärts zog.


Auch uns bleibt nicht viel Zeit. Während der Alte von Bjellstadir, jenseits der Zeiten und über alle Namen hinaus, seine Tiere füttert, während Kulle, der kleine Troll, nordwärts zieht, Abenteuern entgegen, die selbst ich noch nicht kenne, während ich in untersetzter Trollgestalt, in hoher, edler Altmännergestalt, in den Ländereien des Traums herumspüre, läuft unsere Uhr. Schachuhr. Jeden Zug aufzeichnend und bemessend nach Zulässigkeit und Zeitverbrauch. Manches haben wir schon verspielt. Aber auch Punkte geschunden auf der Haben-Seite und ein paar Notdepots angelegt für zeitlose Zeiten.


Ein Bild. Hinabgetaucht in die Strudel des Selbst – wer warf den Becher? Hinabgetaucht ist er, lange ist er unten geblieben und ihr habt gewartet auf ihn, während er das Bild schuf. Lange hat er gebraucht. Hat aus Fischgebein und Schneckengehäuse das Gerüst gefügt. Hat gekritzelt mit scharfem Stift und geschönt, hat geklebt und geschabt und neue Töne gesucht. Hat das Nachtblau der Wassergrotten mit hineingenommen und das Rot der Korallenriffe, auch das matte Fluoreszieren der lichtscheuen Fische ganz unten fand seinen Platz. Es ist ein schönes Bild geworden. Später. Später dürft ihr es sehen. Wenn die Zeit gekommen ist und die Dinge ins rechte Licht. Alles kommt wieder herauf. So auch Du. Komm herauf, ferne Geliebte, Einstige, Einzige (- hmm, sagte ich das nicht schon einmal, an anderer Stelle? -). Emporsingen will ich dich und mit morscher, brüchiger Rabenstimme die Schatten des Zwischenreichs bannen. Wissen wirst Du, daß ich es bin, der da singt. Nein, lege ab die stillosen Jeans und den schmucklosen Pulli (ich wende mich ab derweil), hülle Dich in das faltenreiche Gewand der Erinnerung mit dem breiten Gürtel als Linie. Wie ein Hund will ich Dich umspielen, in epizyklischen Bahnen Dich emporspielen, herauf, zu mir, daß Dein Schritt wieder halle auf den Krusten der sterblichen Mutter. Streiche zurück das Haar aus den Schläfen, schüttele ab die lästigen Bohrwürmer der Erkenntnis, glätte das zerfurchte Antlitz dem Blick – ja, gut so – und läch’le! Läch’le! Mir zu.


Die Sandalen abgestellt am Rande des Kraters und hinab. Wärme gesucht und die Geborgenheit des größeren Schooßes. Doch nicht Amor wärmte die Pfeilspitzen dort, daß sie nicht schmerzten beim Eindringen ins Fleisch der Lauen. Nicht Morpheus wärmte Arme und Kissen dem seiner selbst Müden. Und auch nicht der andere Jüngling wartete bleich.

Nur der Grobian Häphaistos hatte sich Dein Gesicht geliehen und den Vorschlaghammer des Schicksals. Als ich wieder hinaustrat, als die fremden, harten Hände mich forttrugen, sah ich den Bleichen wartend stehen. Doch er sah mich nur lange an, ein wenig traurig und sprach, als ich seine Hand greifen wollte, sein Grausamstes, sein „Noch nicht!“. Mitleidig eine kühle Hand über meine Stirn, weggewischt Schmiede und Gott. Die Sandalen noch da am Rande der Ebene.


Gehämmert, gehärtet wieder auferstehen. Härter und bleibender als zuvor. Schalentier, Krustentier. Der Schräggang ist angemessen, der Rückwärtsgang klemmt. Ohnehin schloß sich der Krater, räusperte sich noch ein paarmal, als hätte er etwas Grünliches von sich gespien, und blieb, eine schmutzige Narbe, zurück. Im entblößenden Licht der Hochebenen gehen. Hier und da die Blumen. Wahres verkünden sie, wahreres als die Schrift. Hör ihnen zu, folge ihrem Geraun. Unfug. An Blumen soll man riechen. Sie haben zu schweigen. Hier und da die Gekreuzigten. Schenk ihnen eine Blume zur Unterhaltung und geh weiter. Sieh dich nicht um. Laß dich nicht aufhalten. Unaufhaltsam. Höher hinauf. In dünnere, kältere Luft, nähere dich der Kluft zu den Wolken. Fort, zu den Gipfeln einsamer Empfindung, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens… „Halt! Das versprochene Bild!“ – Wie? Ach so. Ja. Wartet. Die Luft ist klar hier, weniges wird euch ablenken, das Licht der Berge ist gut.

Seht mich an.


Geierwuselkatzenkralle. – der Freund ist tot. Die Welt ist rot. Oh welche Not. Im Abendrot. Beim lieben Gott. Hundekot auf Marmeladenbrot. Wurstet widerlichstes Bürgerklischée. Schleicht zurück in Erzeuger. Und vorne zerredet Mangold halbseitige Sätze Thomas Manns. Lassen wir das. Streichen, streichen! Indenseeindenseemitgewichtenandenfüßen! Das gehört nicht hierher. Verunsichere den Leser nicht! Folge dem Faden. Spanne ihn klar. Laß ihn unmerklich übergehen in sanfte Biegungen, spiralig zuletzt, einmündend in die immer dichter gewundenen Knoten des Wahns. Rucku, Rucku, ich bin die Waldtaube, ich bin die Nachteule, komm mit, komm mit!


So kommt denn, ihr Freunde, ihr spärlichen, versammelt euch aus den Jahrhunderten eurer Lebensdaten zu mir, ins Hier, ins Jetzt. Laßt uns ein gewaltiges Symposion abhalten zu Ehren des unverstandenen Eros, zu Ehren des Vaters des Wahns, laßt uns trinken und Loblieder ersinnen. Laßt uns sterben auf unsere Art, spöttisch, mokant, widersprechend der Nichtung noch immer zuletzt. Eitel. In Eitelkeit. Banal. Oh wie es mich langweilt. Ihr. Und ich. Dies ganze öde Getue, das Sinn vorgaukelt und nette Worte, nette Taten, nette Menschen. Würgrülpskotzfurz. Und zwar ausgiebig und ausdauernd. Auch der Ekel ist eine Sache guten, beharrlichen Trainings. Sozusagen der Disziplin. Also auf. Übt euch. Aber gefälligst allein. Laßt mich. Verschwindet.


Langgezogen ist der breite Buckel des Bjerdafjell. Blockfelder türmen sich, Grün auf Grün bleibt zurück. Steine nur noch. Es geht bergauf. Über dem kleinen Troll hat sich der Himmel weiter verfinstert, nur ganz im Norden ist noch ein sichelförmiger Streifen frei, ein umgekehrt ausgeuferter Mond, trügerisch, eine vage Hoffnung. In spärlichem Zwielicht sucht sich Kulle Fußtritt für Fußtritt. Die Berge sind nähergekommen. Hinter ihnen hofft Kulle auf das Licht, gibt sich der Illusion eines Endes der sonnenmordenden Grauheit hin. Die haarigen Trollbeine halten den Rhythmus.


Die Knochenplättchen waren uralt. In steingrauer Vorzeit waren sie geschnitzt worden aus den Schulterblättern eines sagenhaften weißen Rentiers, jenseits des Meeres. Ein zauberkundiger Skalde und Priester hatte nach langer Jagd das Tier zur Strecke gebracht, getötet, ausgeweidet. Selbst dem Tode nahe, hatte er sich dann gestärkt an Fleisch und Blut, hatte den Kopf geopfert und die Knochen einzeln geschnitzt. Zeichen hineingebrannt, alte Runenzeichen, und mit den kraftvollen Zeichen die Fähigkeit hineingebannt, Zukünftiges zu schauen. Nicht im Detail und in der fatalistischen Wahrsagermanier der dumpfen Masse, aber in Bildern und Andeutungen, deren Umsetzung Raum ließ für Besonnenheit und Weisheit des Schauenden. Einmal nur in seinem langen Leben hatte der Alte die Plättchen selber geworfen und in ihnen gelesen. Das war vor langer Zeit gewesen, in den Tagen der großen Hungersnot, als die Bäume starben in lichtloser Kälte, die Schiffe nicht kommen konnten durch’s schollige Meer, und ausgezehrte Schattenmenschen scharenweise den Bäumen folgten ins ungewisse Jenseits.

Doch jetzt fühlte er, daß er sie wieder hervorkramen müsse, um irgendwelche Anhaltspunkte über das zu bekommen, was sich da zusammenbraute – und was zu tun sei dagegen. Der Lederbeutel war tief unten in der großen Truhe verborgen, in der der Alte die kostbaren Werkzeuge seiner Kunst verwahrte. Es klapperte beinern, als er den Beutel, dessen Leder schon brüchig war vor Alter, nahm und hinübertrug zum schludrig abgeräumten Küchentisch. Dort nahm er Aufstellung, schüttelte den Beutel in der vorgeschriebenen Weise und summte den überbrachten Beschwörungsgesang durch die Zähne. Dann löste er die Verschnürung und entleerte den Beutel auf den Tisch. Auf seinem Gesicht quoll Entsetzen empor, starr hielt er die Hand mit dem Beutel weiter von sich gestreckt, und überflog immer wieder die Konstellation der Plättchen. Nein, dafür mußte er nicht erst in einem seiner schweren Folianten blättern, unmißverständlich war diese Zeichenfolge.

Doch der alte Mann war weise. Er langte den Teekessel von seinem Haken herunter, füllte ihn mit Wasser aus dem Holzfaß in der Ecke und trug ihn zur Feuerstelle. Dann suchte er, wie so oft morgens, unter der Asche nach einem Restchen Glut.


Mein Behinderter liegt im Bett. Pflegeleicht. Für ein paar Stunden Ruhe. Und ich sitze da, betrachte eine Feder, graubraun mit einem gelben Streifen in der Mitte, von einem Nymphensittich. Ungeschickt drehe ich sie zwischen den Fingern, zupfe an ihr, vorsichtig glättend. Die Freundin hat sie mir geschickt. Hat Jakob sie freiwillig hergegeben, oder wurde er gerupft zum Wohl des Geliebten? Nein, er ist in der Mauser. Ein Abfallprodukt als Zeichen der Liebe – um so wertvoller, und ein schönes Symbol. („- zum Fliegen über die Welt und ein Blick und ein Lächeln über die Welt da unten -„) Hab‘ Dank, Freundin. Ich werde fliegen. Werde sehen und lächeln. Und, das hast du vergessen, werde träumen und irgendwann stürzen. In die Welt da unten – oder endgültig aus ihr heraus. Ich will mich treibenlassen. Loslassen, mit den Wolken steigen und fallen und wandern zwischen den Welten meiner Sehnsüchte. Im hüfthohen Ginster stecken und trotzdem weiter, die Schläge nicht spüren und die gemeinen Annäherungen der Wildrosensträucher, lächeln. Am Ginster hinabhangeln den Steilhang, rückwärts, im gespannten Gleichgewicht zwischen Rucksack und zähem Zweig, das Gesicht zur Sonne empor. Bräunt sie noch? Den Kopf zwischen deinen Schenkeln verborgen. Und plötzlich alles vergessen: Das Lecken und die Welt, die Erregung, der Haß. Nur dunkle Wärme, Embryonenträume, Dämmern, Schlaf. Bis sanfte Stöße mich an meine Pflicht erinnern. Das Pochen des Weltgeistes geht wieder ein in mich, doch die Augenblicke der Verlorenheit bleiben zurück und warten. Ich bin unter meinesgleichen. Die Wolken sind überall. Brandung am Fels, Gischt, die mein Zelt beutelt. Das Hochtal ein Nebeltopf, in dem der Sturmgott peinlich wütend rührt. Die Welt zugedeckt. Danke. Mir ist zwar kalt, Wolken, aber ich sitze da mit meinem Schreibblock und schreibe nicht. Es gilt nichts. Nur ein Schrei hätte eine gewisse Berechtigung. Schrei des Verlorenseins, des Triumphes, Adlerschrei. Ich schreie nicht. Leise krieche ich ins Zelt, um nicht zu stören. Eine alte Brücke schwankt vorbei. Früher zogen hier die großen Schafherden über den Bergfluß. Ich sehe ihr wolliges Blöken, rieche ihre gleichmütige Angst. Der Treiber flucht. Gut, daß ich diese Südfranzosen so schlecht verstehe. Jetzt ziehen hier die Touristenherden, überziehen den Berg mit Anwesenheit und Mißachtung. Ich sehe ihre dummen Mäuler auf- und zuklappen, und bin froh, daß sie stumm sind wie Fische von hier aus. Der Gleichtritt ihrer rustikalen Stiefel erinnert unangenehm. Die Brücke schweigt und bröckelt. Ich verstehe sie gut. Ein schwarzes Gestade taucht auf, zerrissene Klippen beugen ihr Ohr dem Meer zu, das nebelverhangen tobt, unschuldig. Traumland, Geisterland, Nebelland, Nordland. Eine Seeschwalbe schreit, eine verlorene Seele, und jagt vorbei, nimmt mich mit. Die Toten sitzen in den Gletscherspalten, werden entgegengeschoben dem Meer. Dort bröckeln sie hinein, feiern Auferstehung zum ewigen Leben. Ab. Auf. Die Gezeiten sind stark hier. Aber man kann auch zwischen den Gletschern hindurchgehen, steinige Wege, an einsamen Schafen vorbei, die dachten, die Welt sei ein Grasfleck im Aschenmeer. Ihr Fell ist weiß, rein. Geh weiter. Menschenblicke sind nicht gut für das Reine, und der Weg ist noch lang. An Gletscherseen vorbei – einen Fuß hineingetaucht, schnell, dann den Rest hinterhergeworfen. Kann auch nicht kälter sein als das Dasein. Trockengerieben mit Hilfe eines Schneefuchses, der mit vereistem Fell verdutzt stehenbleibt und weiter. Die Geister geleiten einen sicher, es ist ihr Weg, sie kennen ihn gut. Am Ende ein Steinhaufen. Man muß einen Lavabrocken dazulegen, den Geistern helfen. Sie bauen einen Turm bis zum Himmel, werden ihn zurückerobern von fadenscheinigen Göttern, und ihre Sprache ist einig. Ein löbliches Vorhaben – helfen wir ihnen mit einem großen Stein, daß es bald vollbracht sei. Die Geister sind es zufrieden. Sie helfen mir noch beim Ausziehen – leicht sind sie, kühl, diese Geisterhände – und führen mich zu den Quellen. Dort rolle ich mich ein im Warmen, atme tief die Schwefeldämpfe, werde leicht, löse mich auf, wehe fort. Ein Mendelsohn-Trio im Wind, oder Schubert? Fremd bin ich…Ich weiß nicht mehr. Aber da schreit doch wer. Jakob fliegt neben mir, zupft mich am Ohr, will mich mitnehmen. Wohin fliegst du, aufdringlicher Kerl? Laß meine Wimpern dran und flieg ein bißchen langsamer. Zu ihr? Gut. Mein Behinderter hat gerufen. Eine zerrupfte Feder gleitet aus meinen Fingern.


Nicht mehr weit bis zur Passhöhe. Ascheverkrustete Gletscher, hier und da noch Zungen vorjährigen Schnees, schroffe, gebrochene Felsformationen. Der kleine Troll aber hatte keinen Blick für die augenüberfüllende Kulisse, die er durcheilte, so schnell es das schwierige Terrain zuließ. Auch den Blick zurück über die weite Ebene ließ Kulle sich entgehen. Den Kopf gesenkt, suchte er seine Tritte und stieg beharrlich dem Sattel entgegen, hinter dem das Land abfiel zu den Ebenen des Nordens. Kulle sah sich nicht um. Sonst hätte er sie vielleicht gesehen – in Wildgansformation kamen dunkle Punkte gezogen, acht oder zehn mochten es sein, schnell kamen sie näher. Eben hatte Kulle das letzte, schwierige Blockfeld des Aufstiegs erreicht, glitschige, mit Schneeresten durchsetzte Basaltklötze forderten seine ganze Aufmerksamkeit. Da sauste es rings in den Lüften, heiseres Geschrei verkündete sein Ende den Bergen, aus den Augenwinkeln sah er braune Schwingen und erbarmungslose Eisenschnäbel auf sich zustürzen. Hastig versuchte er auszuweichen, verlor den Halt, verlor sein Bündel und stürzte zwischen zwei Felsen. Eingeklemmt in dem engen Spalt erwartete er den Tod. Aber manchmal haben kleine Trolle unbegreifliches Glück – oder ein mächtigeres Geschick spart sie auf für Kommendes. Zu klein war der Spalt für die braunen Schwingen, und zu tief, als daß die Schnäbel, die sich ihm mit widrigem Geschrei und eklem Gestank entgegenreckten, ihn hätten erreichen können. Plötzlich ließen sie ab. Nur noch ein paarmal krächzte es draußen, dann rauschte es mächtig, und die Todesvögel zogen von dannen. Als Kulle vorsichtig ihnen nachspähte, sah er, weshalb sie ihren Auftrag für erfüllt hielten: ein großes, ledernes Trollbündel hatten zwei in den Krallen und schleppten sich redlich damit ab. Schwerfälligen Flügelschlags zogen sie der Blamage entgegen. Obwohl seine Knie noch reichlich zittrig waren, mußte Kulle grinsen. Ihr Meister würde nicht sonderlich zufrieden mit den lieben Tierchen sein…


Er tastete nach dem Päckchen in seinem Wams, atmete auf und eilte weiter, hin und wieder furchtsame Blicke über die Schulter werfend. Bald öffneten sich vor ihm die Lande des Nordens, und Kulle machte sich an den Abstieg. Jenseits der Berge, am südlichsten Rand der Welt, begann ein trichterförmiger Wirbel, rot, drohend, sich durch die dichter werdende Finsternis zu nahen.



Symposion Teil I


Sie kommen.


Der Gang des Buddha ist unverkennbar. Leicht geht er, tänzerisch fast, – doch in der fließend ruhenden Bewegung ist das All gegenwärtig. Er hat die Gesänge der Welt gesungen und verklingen lassen, hat die Gesetze befolgt und sie überwunden, ist sich selbst gefolgt und hat sich selbst überwunden. Wohin gehst du, Siddharta, Freund und Leitbild meiner Kindertage? Gehst, blicklos, überläßt mich dem anderen, dem Freund des Rasiermessers? Doch du hast recht, wie gewöhnlich. Geh nur. Wir wären keine passende Gesellschaft für Dich. Wie du nicht für uns. Geh und grüß mir den Fluß – er wird mich nicht wiedersehen.


Du bist willkommener, altes Lästermaul mit dem Schnauzbart! Hast mal wieder das Geschrei des neugeborenen Übermenschen gehört und bist hergeeilt, ihm zu huldigen? Nicht? Was treibt dich dann her? doch nicht etwa meine Einladung? Du, der Einladung eines Sterblichen folgend? Das ehrt mich. Doch wie? Was muß ich hören? Du lallst? Lallest, Du, dessen Klarheit die Geister blendete und die großen Verbrämer und Systemschmiede ängstigte auf den Tod? Nun ja – Du siehst nicht gut aus, ein wenig fleckig im Gesicht… Dank der akribischen Recherche deiner Biographen wissen wir ja, was es damit auf sich hatte. Aber immer noch? Und was grölst Du da? „Verflucht sei der Verkünder des Lichts, verflucht sei der Wiedergekehrte, verflucht er, der von seiner Höhe wieder hinabstieg zu den Narren und Leichnamen?“ Nun, immerhin. Lallend selbst noch sprichst du besser als die Bürokraten des Wortes, die sich an dir überhoben. Aber irgendwo ist es schade um dich. Zu ähnlich siehest du jetzt – dem letzten Menschen.


Empedokles in schwer abzustreifenden Cowboystiefeln, mit Camus seine einstige Tat diskutierend.


Brahms, bissigen Spott verbreitend, mit einem großen Medaillon um den Hals (Claras Bild), Diskurs über den platonischen Unfug


Fürst Myschkin, pantomimisch unsinnige Leidenschaft karikierend


Bruder Medardus mit den Prozeßakten – Revision gegen das unsinnige Schicksal, Sartre als Aureliens Anwalt


Schopenhauer, mit dem Pudel obszöne Späße belachend


Antigone und Kassandra


Pau Casals


Beginn der Reden und Trinksprüche.


Kulle erreicht Bjellstadir

Übergabe des Päckchens

Entschlüsselung der Botschaft

Ironische Aufhebung, Zeitsprung


Symposion Teil II

Dazutreten der Realen

[***snip*** – die gehen noch keinen was an]


Gruppierung und Streit

Wütender, trauriger Abschied in einer „flammenden“ Rede – keiner hört hin, Abgang, nur B. folgt als imaginäres Lichtwesen, wird abstrakt gehaltene Zeugin der Schlußszene


So ging er denn seinen Weg. Weg. Packte noch einmal seinen Rucksack, wählte bedächtig aus, was man so braucht als fahrender Mensch. Nur das Beste aus seinem umfangreichen Ausrüstungssortiment durfte mit. Es sah ganz nach einer gut vorbereiteten Expedition aus. Als jeder normale Mensch den Rucksack als randvoll und ohnehin nicht mehr tragbar bezeichnet hätte, verstaute er noch eine Flasche dunklen Weins, 78er Jahrgang, für studentische Verhältnisse grob zu teuer, in ihm, suchte dann längere Zeit in einer seiner vielen Kramkisten und förderte schließlich noch ein kleines, in Leder geschlagenes Päckchen zutage. Auch dieses fand Platz. Dann zog er los. Nicht vielen ist er aufgefallen. Die meisten sahen einfach einen der vielen Interrailer, die im Herbst noch einmal Europa mit hektischem Entdeckerwahn durcheilen, Fensterblicke sammeln, in Bahnhöfen schlafen und die einzelnen Länder nach dem Geräusch der Waggonräder unterscheiden können. Einige sahen seine Augen, mochten ihn, sahen seine Einsamkeit und hätten ihn gerne gehalten. Ein paar mehr sahen seine Mundwinkel, spöttisch verkniffen wieder, ausgesetzt dem ständigen zynischen Lächeln. Sie mochten ihn nicht. Er sprach nur das Notwendigste. Er wußte, welche Züge er zu nehmen hatte, bummelte noch ein paar Stunden durch Stockholm, überlegte es sich, nahm mit ironischem Kopfschütteln den Nachmittagszug nach Göteborg, schlenderte auch dort scheinbar ziellos durch die Straßen. Hakte Erinnerungen ab. Vor dem Fenster eines Juweliers blieb er kurz stehen, sah in die Auslage, erspähte innen die Besitzerin. Ja, es war noch dieselbe. Akzentfrei war ihr Deutsch gewesen. Er hatte diesen Ring gemocht, diese nie ganz aufblühende Blüte aus kühlem, verläßlichem Metall. Als er sich abwandte, waren seine Mundwinkel noch härter. Die, die ihn in den folgenden Stunden sahen, beschrieben ihn als gezeichnet, entschlossen. „So, als hätte er den Ministerpräsidenten umbringen wollen.“ Nein, das taten andere, lange zuvor, um 23:23 Uhr. Noch einen Tag im Liegewagen. Noch Stunden im schaukelnden Bus. Dann die Grenze. Der Weg. Von hier ab hat ihn nur noch ein Jäger gesehen. Recht munter sei er ihm entgegengekommen, schnellen, sicheren Schrittes. Sein „Hej!“ habe fest geklungen und fröhlich. Und eigentlich sei das merkwürdig gewesen, denn so ein schlechtes Wetter habe selbst er hier oben noch selten erlebt. Daß da einer dieser verrückten Ausländer so fröhlich sein kann…


Achtzig Prozent der Touristenbilder aus dem Sarek beinhalten den Blick vom Skierfe ins Delta des Rapadalen hinab. Warum auch nicht. Es ist einer der spektakulärsten Ausblicke Skandinaviens und durchdringt selbst den Wahrnehmungspanzer des abgestumpftesten Standardmenschen – sofern er herfindet. Auch ich stand dort oben vor Jahren, sandte hinab tonlosen Schrei ins verschlungene Graugrün, speicherte, verstand nicht, sog auf. Erinnerte mich oft an diesen Morgen. Der Steingott, bei dem ich damals die Nacht verbracht hatte, liegt immer noch ungerührt da. Ein paar Rentiergeweihe sind hinzugekommen, alte Opfergaben sind weggemodert. Er schweigt immer noch und läßt dem Wind das Wort, hinheulend um seine Kanten. Immer noch treibt Nieselregen über den abgerundeten Buckel des Martevaratji. Zu wenig hat sich geändert seither, als daß es der Erinnerung Einhalt gebieten könnte. Damals hatte ich mir vorgenommen, die Alkavare-Kapelle als Ort der Rückkehr zu nutzen. Nein. Man würde mich finden dort, irgendein nichtsahnender Hirte oder Tourist würde über meinen stinkenden Kadaver stolpern – nein, das würde den kleinen Mythos stören. Ich biege lange vorher ab. An der Mikka-Hütte, wo eine der wenigen festen Brücken im Sarek den schaumschlägerischen Fluß quert, schlage ich mich seitwärts, in das Zentralgebiet des Sarek-Gletschers.


Die Spalte im Eis sieht gut aus. Dort läßt es sich trefflich Wein trinken, ein letztes Mal Brahms hören, und dann sanft alkoholisiert hinübergehen. So langsam verschwimmt das bläuliche Licht von oben.


Du auch hier? Du siehst gut aus, wie immer. Ein wenig angestrengt – ich hätte auch nicht erwartet, daß Du mir folgst in diese Weltgegend… Was sagst Du? Ich kann Dich nicht hören, obwohl Deine Lippen sich bewegen. Bleib hier und paß auf auf mich, bis es vorüber ist, ja? Herzstillstand, Hirntod, wie war doch gleich die offizielle Definition? Nun, Du wirst es schon wissen.


Empfindungen überfüllen dich, sagtest du einmal. Warten müßtest du, bis sie abklingen und faßbar werden der Sprache, deinem einzigen Medium…

Lachen / Denken

Es ist traurig, eine Ausnahme zu sein. Aber noch viel trauriger ist es, keine zu sein.
- Peter Altenberg

Das hier ist…

"Elvish Rantings"
Das private Blog des Menschen hinter Elfenwald.
Martin Hoffmann
Mehr oder minder Liebevolles, Böses und Geistreiches zum Zeitgeschehen, gemischt mit reichlich Nabelschau.
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Martin Hoffmann

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