14. Okt 2007
Jawohl! Ihr alle, wir alle! Wir sind Verdienstkreuz. Oder auch nicht.
Denn diese vier Gestalten werden dieser Tage mit dem Bundesverdienstkreuz, genaugenommen der Luxus-Ausführung “großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband”, ausgezeichnet, von jenem schwarzen Köhler, der zum “Staatsoberhaupt” ward auf den unergründlichen Wegen des Herrn. (geht’s Euch auch so, daß jede dieser Bezeichnungen nebst den Bezeichneten den Anführungszeichen- und Schlapplach-Reflex auslöst?)
Aber zur Sache, Bürgerchen, *drumroll*, hier kommen sie, die verdienstvollen Helden des Alltags:
Wolfgang Böhmer, Harald Ringstorff, Peter Müller, uuuuuunnnd: Roland Koch.
Wie? Wo bleiben die Begeisterungsstürme? Das sind EURE Helden, Unverzichtbares und Unschätzbares haben sie geleistet beim Wiederaufbau des Ostens und zur höheren Ehre “Deutschlands” und zum Wohle des “deutschen Volkes”. Vermutlich. Wenn doch der Herr Bundesköhler das meint…
Wie? Was höre ich da für Zwischenrufe? Ihr kennt nur einen davon? Ach so.
Das ist verzeihlich.
Also gucken wir mal, wer das ist und warum die so doll sind:
Wolfgang Böhmer. CDU. Seit 2002 Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt. Das ist da ziemlich zentral in den blühenden Landschaften im Osten. Aus seinem Ländchen vernahm man selten anderes als Filz, vergeudete Aufbaumilliarden, horrende Arbeitslosenzahlen und zunehmende Braunfärbung. Vielleicht nicht alles ihm persönlich anzulasten - aber wer wohlbestallt im Augiasstall sitzt, ist noch lange kein Herkules. Erst ausmisten, dann Verdienst. In der DDR war er “aktiv in Kirchenkreisen”, später dann folgerichtig und folgenschwer in der CDU. Seine Habil (er war/ist Mediziner) trug übrigens den schönen Titel: “Die Entwicklung der individuellen und gesellschaftlichen Belastung durch die menschliche Reproduktion”. Was dazu wohl Eva Hermann und Zuchministerin UvdL sagen? Und seine Promotion? “Über die Dauer ventrikulärer Extrasystolen”. Die krieg ich auch, aber erst bei Kandidat No. 4
Harald Ringstorff. SPD. Quotenlinker im Quartett der Preisträger. Deswegen kriegt er auch etwas weniger Haue. Seit 1998 ist er Ministerpräsident in Mecklenburg-Vorpommern. Genau, fast so ein blühendes Land wie Sachen-Anhalt… Und auch dort soll es kilometerlange außerörtliche Pflastersteinstraßen geben, die mit erschwindelten Fördergeldern für die Sanierung historischer Innenstädte erbaut wurden, und nun die Ärsche harmloser Radler strapazieren. Und irgendwann, mit frischen Steuergeldern, vielleicht doch asphaltiert werden. Immerhin ist die Lage in MeckPomm so katastrophal und die Bevölkerungsflucht so massiv, daß die denkenderen Zirkel der Republik darüber nachdenken, dort subversiv einzufallen und MeckPomm zu einem Paradies hochtechnisierter Landkommunen zu machen. Also verderben wir es uns mal mit Harald nicht. Aber die Mega-Verdienste für Stern und Schulterband liegen da drieben definitiv auch eher im Ideellen als in der Wirklichkeit…
Peter Müller. CDU. Jurist. Reicht eigentlich schon… Obendrein aber auch Ministerpräsident des Saarlandes, Mitglied der CDU-internen Karriere-Seilschaft des “Andenpaktes“, 2004 “Botschafter des Bieres” des Deutschen Brauer-Bundes. Jessas, verdienstvoll, fürwahr. Immerhin kolportieren die allzeit akkuraten Statistiker, daß es einigermaßen brummt in seinem Ländchen. Ob das immer gut ist, ist eine andere Frage, aber im Wertesystem dieser Republik ist das ja wenigstens mal was. Und um Herrn Müller kümmert sich nächstes Jahr dann ja Oskar - der ist zumindest unterhaltsamer.
Aber nu, *extratrommmmelwirbel*, in der Mittelgewichtsecke der Held des Deutschen Volkes und Verdienstordenträger No. 4:
RooooOOOOOOland KOoooooch. Noch’n Jurist. Noch’n CDU’ler. War Papa auch schon, beides. Aber der war nicht im “Andenpakt”. Der Roland schon. Der weiß auch sonst immer ganz gut, wie man sich durchwieselt. Ist so auch Ministerpräsident in Hessen geworden. Bloß das Merkel hat er bislang nicht in den Griff gekriegt, was etwas wirklich Verdienstvolles in dieser Karriere wäre. Gewesen wäre.
Seine sonstigen Verdienste umfassen u.a. sein vermutlich sehr “verdienst”volles Engagement für den Ausbau des Rhein-Main-Flughafens, seine Aufsichtsratstätigkeit für die ebendort zuständige FraPort AG, das Streichen von Beschäftigtenweihnachtsgeldern, während Aufsichtsratsgehälter um knapp die Hälfte erhöht wurden, Stimmenfischerei im Braunen mit der Unterschriftenaktion gegen die Reform der deutschen Staatsbürgerschaft, den Ausverkauf der Universitätskliniken von Gießen und Marburg, seine Vorlieben für Kernkraftwerke und Studiengebühren und unbekannte Möpse und Holocaust-Keulenrhetorik zum Schutze von Vermögenden (“eine Neue Form von Stern an der Brust” - auf ver.di-Chef Frank Bsirske bezogen, der es gewagt hatte, in der Vermögenssteuerdebatte ein paar der gröberen Bonzen beim Namen zu nennen).
Dazu noch der nette Versuch, die Nicht-Teilnahme der Freien Wähler bei Wahlen zu erkaufen, und sein Verhalten in der (resp. einer der vielen…) CDU-Spendenaffaire, wo allenfalls Juristen sein Herumgeeiere nicht als dreiste Lügen bezeichnen würden.
Mehr? Guggstu da und folgst ein paar Links. Oder wirfst kurz Scroogle an, z.B. mit “Roland Koch Affairen“.
Hat noch jemand das Gefühl, daß da der Falsche die Falschen auszeichnet? Und daher alles seine Richtigkeit hat in diesem Lande? Denn es geht nicht um “Verdienste” beim Verdienstkreuz. Sondern in erster Linie um politische Ehren-Inzucht.
Und insofern sind die vier Herren auf einem klar erkennbaren Weg: die “Sonderform” des Großkreuzes, die zweithöchste Form des BVK, erhielten bislang nur zwei zweifelhafte Gestalten: Konrad Adenauer - und Helmut Kohl.
Die jetzt ausgezeichneten haben gemäß ihrer Qualifikationen und bisherigen Verdienste gutes Potential, einst mit dem Vierten den Dritten zu stellen.
Daher haben Menschen wie Marc Steinhäuser, der in der “Zeit” ebenfalls spötteln mußte bei dieser Peinlichkeit, oder auch ich die “Demokratie” und den Sinn ihrer “Orden” wohl nicht recht verstanden - oder wir sind ein Fall für den “Verfassungs”"schutz”.
Das Blechstück jedenfalls war seinerzeit - wenn auch in einer niedrigeren Ausführung - bei Winnetou Pierre Briece und Beate Uhse besser aufgehoben. Und beim ersten Träger, Franz Brandl, der Bergmann war und für andere sein Leben riskiert hatte. Und unter den höher dekorierten Preisträgern finde ich auf die Schnelle zumindest einen, bei dem sich einem nicht die Fußnägel aufrollen: Yehudi Menuhin.
Und Loriot natürlich. Vielleicht der passendste.
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