… und ein neuer Mythos verbreitete sich unter den Schnecken des Landes.

Ein Tabu, ein mächtiges Tabu, umgibt die Sonnenblumen und Topinambur, die zarten Keimblättchen frisch ausgesäter Pflänzlein, alles, was neu ist im Himmelreich… wer in der Nähe erwischt wird, ist verloren.

Erbarmungslos saust die Sichel der Götter hernieder und zerteilt den Frevler. Am Morgen, am Abend, und auch am nächsten Tag. Manchmal ist es auch ein Bayonett, russisches Modell, AK74… ist aber der gleiche Gott, Kumpels. Mangels Blitzen nimmt man halt, was da ist und scharf. Nur um den Komposthaufen herum ist heiliger Boden, dort ist man sicher als Schnecklein…

Nee, nee… bin ja ein Freund (fast) aller Wesen, rede mit ihnen, versuche, sie zu verstehen, ihre Bedürfnisse und meine unter einen Hut zu kriegen. Mit manchen klappt das ganz gut. Aber manche sind nicht wirklich kooperativ, und verhalten sich zudem ziemlich menschlich arschlochmäßig. Nicht etwa hier ein Blatt anknabbern, und dort ein anderes, Pflanze stehen lassen, damit morgen auch noch was da und der Mensch, Biene und Hummel sich vielleicht noch an der Blüte freuen können und die Vögel im Herbst Körner kriegen.

Nö. Nix Nachhaltigkeit. Fuck da future.

Vier Mann ran an den Stiel der Sonnenblume, unten bibermäßig rundrum annagen, fällen, dann ein bißchen Blätter und Blüten abfressen. Und tschüß.

Schleimbeutel, elende.

Irgendwie sind es obendrein sehr viele in diesem Jahr. Liegt sicher auch mit daran, daß ich hier etliches verändere, das Gleichgewicht verschiebe, Rodungen anlege, Kulturpflanzen ins Wildgewächs mische. Aber egal – es SIND einfach sehr viele. Und ich lebe jetzt auch hier, und da ich der dickste und größte bin im westlichen Bundesstaat des Himmelreichs, gilt im Zweifelsfalle mein Gesetz. Punkt. ;-)

Und da weder Igel noch chinesische Laufenten in Sicht sind, um das Gleichgewicht auf „natürliche“ Art einzuregeln, mache halt ich den „Freßfeind“. Nur ohne Fressen. Dafür wären höchstens die Weinbergschnecks zu gebrauchen, aber ich bin da nicht nach meinen französischen Ahnen geraten… und außerdem habe ich die Handvoll Weinbergschnecken, die hier unterwegs sind, gerade erst von zwei Käffer weiter mit dem Rad herbefördert („Freiwillige für das Himmelreich? Ja??? Freiwillige????!!!“), damit sie sich über die Gelege der Nacktschnecken hermachen können…

Tja, bei allem Baumumarmertum und der hohen universellen Liebe – wer lebt, und nicht nur nicht-ist, greift ein, verändert. Und regelt dann nach, so gut er kann und es versteht. Wenn es wieder ein gesundes Maß von den Kriechern gibt, kann ich auch wieder liebevoll amüsiert ihre Stielaugen und ihre bauernschlaue Art beobachten und überlasse ihnen gerne ein paar Prozent von Salat und Radieschen.

Aber im Moment übertreiben sie – und ich trainiere Härte und töte sie. Nicht gern, aber mit Ingrimm.

P.S.: ein paar Boten der Liebe werden sich sicherlich schockiert abwenden oder mahnend den Karma-Finger heben. Ist ok. Das ist der Unterschied zwischen Selbermachen mit aller Konsequenz einerseits – und (schneckenfraßfreien) Bio-Salat im Laden kaufen und sich lieber keine Gedanken machen, warum der wohl frei ist von Schneckengeknabber, andererseits… Andere Methoden sind entweder weniger effizient (wie das fröhliche Schneckenbiertrinken auf dem Bild von Michel) oder alles andere als „netter“ (wie das beliebte „Schneckenkorn“). Ich bevorzuge da das archaische „Hack-druff“. Und freue mich auf nächstes Jahr, wo sich das Gleichgewicht hier wieder eingependelt haben dürfte, und mindestens ein schmatzender Igel sich der Schnecks annehmen wird… ;-)

P.P.S.: Mittlerweile ist es wieder halbwegs erträglich, der Artikel ist ein paar Wochen alt. Aber insgesamt haben die pööösen Purschen diesen Sommer 80-90% der Aussaat abgefressen, kaum daß sie draußen war…

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