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Früher schliefst Du im Fluge, hoch oben
wo ich nie sein werd aus eigener Kraft.

Nun liegst Du auf meiner Brust,
mit gebrochenem Flügel

Kraftlos.

Bot Dir an, zu helfen
beim Übergang.

Doch Du wolltest nicht –

Leben ist noch in Dir,
und der Wille zu SEIN.

Von dieser Szene gibt es kein Bild.

Es war frühmorgens. Vor ein paar Tagen.

Abends war er zu uns gekommen – die Freundin, bei der ich momentan wohne, hatte ihn gefunden – fast tot, zausig, Ameisen bereits bei der Arbeit. Ein Mauersegler . Im Straßenschmutz und Baustellenlärm mitten in München – wohl gegen eine Scheibe geprallt oder ein Auto. Schnabel verbogen, einer der wunderschönen sichelförmigen Flügel kraftlos und vermutlich gebrochen.

Ich kannte nur ihren Ruf, habe sie oft gesehen hoch oben bei ihren atemberaubenden Flugmanövern, wußte von ihrer legendären Kunst, fast ihr ganzes Leben in der Luft zu verbringen. Vieles weiß man noch nicht – aber während ihrer rund neunmonatigen Reise nach Südafrika und zurück (sie kommen nur zum Brüten her) berühren sie vermutlich so gut wie kein einziges Mal den Boden. Jedenfalls nicht freiwillig. Diese Extremflieger „schlafen“ sogar in der Luft – verdrücken sich in vergleichsweise warme Luftschichten, oft 3000 Meter hoch, schalten dort sozusagen auf Autopilot und dösen.

Nun flog er nicht mehr….

Lag in meiner Hand, die Augen geschlossen, kaum Atem. Ein paar Tropfen Wasser, etwas Energie (ich sage nicht „Reiki“, da ich nicht offiziell eingeweiht bin) – plötzlich kommt Leben in den Vogel. Er wird munterer, ist aber völlig benommen, torkelt ein wenig auf mir herum. Wahrscheinlich neben dem Schock und den Verletzungen auch noch eine saubere Gehirnerschütterung. Seine Krällchen sind verkrüppelt, aber das ist normal – Mauersegler klettern damit allenfalls mal irgendwo an Wänden oder Gardinen herum, oder halten sich an einem Finger fest – am Boden laufen können sie nicht. Wozu auch.

Wir verfrachten ihn in einen ausgepolsterten Korb. Und jetzt?

P1000530Ich habe zwar eine Reihe von Meisen, aber der letzte reale Vogel in meiner Obhut war ein Kanari, in meiner Kindheit… was futtert so ein Segler? Was tun mit ihm? Geld für einen Tierarzt haben wir gerade auch nicht, sind ziemlich blank.

Vielleicht ist alles, was wir für ihn tun können, ihm einen würdigeren Abgang zu ermöglichen als im Straßenkot. Er bekommt Wasser, immer wieder vorsichtig in die Seite des vermurksten Schnabels geträufelt. Wird weich in den Korb gebettet und ans Fenster gestellt. Die unendlich tiefen schwarzen Augen, die sich manchmal mühsam öffnen. Der Blick auf den Himmel. Ja, Freund, da oben gehörst Du hin… ich weiß. Nicht in diesen Korb, nicht in eine Einzimmerwohnung im Hinterhof.

Selten hat mich etwas so traurig gemacht wie der Anblick dieses Extremfliegers, der wohl nie wieder fliegen wird.

Selbst völlig mitgenommen, traurig und ausgelaugt verschieben wir die Entscheidung auf den Morgen. Wenn er dann noch lebt…

Er verbringt die Nacht zudeckt in meinem alten Einkaufskorb neben meiner Schlafmatte. Nicht viel zu hören von dem kleinen Kerl… morgens wache ich sehr früh auf.

Wenn es ihm nicht besser geht, werde ich ihn töten. Abkürzung.

Wenn ich in dem Zustand wäre, würde ich diesen Dienst auch gerne in Anspruch nehmen. Also kann ich ihn auch geben.

Aber ich frage. Würde schließlich auch gefragt werden wollen, wenn ich noch antworten könnte.

Behutsam hebe ich die paar Gramm Vogel aus dem Korb, lege ihn mir auf die Brust, halte meine Hände über ihn. Ich kann vage mit Tieren kommunizieren – nicht verbal und vergleichsweise präzise wie eine Amelia Kinkade, aber genug, um mancher Wespe den Weg aus dem Fenster auch nonverbal und ohne Zuhilfenahme mechanischer Hilfsmittel zu erklären… ;-) Und für ein paar andere Dinge reicht es auch.

Da liegt das kleine Viech. Hat mich während der „Umbettung“ recht munter angeguckt, und sich dann vertrauensvoll und ziemlich schlapp auf meiner Brust breitgemacht. Augen wieder zu. Ich spüre hin, frage. Na Freund, bereit für die nächste Runde? Oder magst Du noch bleiben? Noch Leben in Dir? Lange liegen wir so, Bilder und Gefühle fließen hin und her. Die Antwort ist klar. Dieses Wesen stirbt noch nicht. Da ist noch Wille, da ist noch Kraft. Auch wenn äußerlich nicht viel von ihr zu sehen ist. Er bleibt.

P1000537 Immerhin – beim Trinken schluckt es sich jetzt schon leichter, und einmal reißt er richtig den Schnabel auf. Hey, geht doch noch… Und was füllen wir da jetzt rein?

Stöbern im Netz hat alles Wichtige über Mauersegler zutage gefördert. Insekten, Insekten, Insekten. Allenfalls ein paar Tage Tartar. Wenige Tage Fehlernährung, und das Gefieder nimmt irreparablen Schaden. Dann ist es vorbei mit jeder Aussicht, wieder zu zu fliegen. Die Chancen stehen zwar eh nicht gut, aber – an ein paar Heimchen soll es nicht scheitern.

Ob die armen Viecher nun beim Dehner in der Plastikschachtel verrecken oder an unseren Segler verfüttert werden… also erstehen wir zum Feinkostpreis ein Schächtelchen Heimchen, die kleinen.
Nun ja – Heimchenverfüttern ist schon schwer, doch Heimchenfuttern noch viel mehr… jedenfalls wenn der Schnabel im Eimer ist. Alles sehr mühsam. Aber es wird tapfer geschluckt, mit Wasser nachspülen, *reinwürg *, na also. Drin. Scheißen geht auch noch. Offensichtlich.

Von Stunde zu Stunde wird unser kleiner Sturzflieger fitter. Naja – relativ gesehen. Zumindest krabbelt er umher, klettert den Korb hinauf, guckt und dreht auch den Kopf wieder, den er vorher wohlweislich nicht viel bewegt hatte…

Aber uns wird immer klarer, daß wir ihn schleunigst abgeben müssen. Einerseits fühlt es sich für mich nicht richtig an. Dieses Viechl hat sein Restchen Leben nicht umsonst zu uns gebracht. Aber wir haben einfach zu wenig Ahnung, zu wenig Ressourcen, zu wenig Platz für eine dauerhafte Mauersegler-Reha.

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Im Netz finden wir zwei Auffangstellen für verletzte Wildvögel in München.

Und so bringen wir ihn fort. Zu Familie Kistler.

Ein schwüler Tag, sauheiß, zwei Menschen mit leicht hippiehaftem Äußeren, die sich die Isar entlangschleppen, mit einem Fahrrad und einem Korb, auf dessen Rand ein lädierter Mauersegler hockt und wie eine Gallionsfigur in die Welt lugt… war bestimmt ein lustiger Anblick.

Er scheint den Tiefflug in Zeitlupe ganz amüsant zu finden – denkt sich wahrscheinlich sein Teil über diese plumpen Wesen, die Schritt für Schritt eine Strecke entlangkrabbeln, die er sonst in ein bis zwei Minuten schaffen würde… aber es scheint ihm zu behagen. Fluchtversuche werden nur unternommen, sobald wir mal stehenbleiben, so, als ginge es ihm nicht schnell genug. Himmel, du Depp, Du fliegst nur auf die Schnauze, bleib halt im Korb… *Handtuchdrüber*

Bei Kistlers herrscht reges Leben – jede Menge Fledermausens mit wunderbar weichem Fellchen und in verschiedensten Größen (bis hin zum kaum kleinfingerlangen Zwergfledermausmännchen, das unerschrocken grimmig guckt und fiepst, als es uns vorgeführt wird…), ein paar halbstarke Rotkehlchenwaisen, die noch nicht in die Freiheit aufgebrochen sind, sondern lieber noch etwas im Mehlwurmparadies bleiben möchten… doch, hier ist es gut. Schön, daß es solche Menschen gibt.

Hier wird er wohl erstmal bleiben und fachkundigere Betreuung bekommen, als wir sie ihm geben könnten.

Viel Hoffnung macht aber auch Frau Kistler uns nicht – ein Mauersegler muß perfekt fliegen können, um draußen durchzukommen. Und so, wie sein Flügel jetzt aussieht, stehen die Chancen nicht gut…

Aber irgendetwas hatte der kleine Kerl noch vor, das weiß ich.

Und das wird wohl auch möglich sein. Es gibt liebe Menschen, die Vögel wie ihn als „Dauerpfleglinge“ in einer Art Vogel-Reha betreuen, solange sie halt noch leben wollen. Dorthin wird er wohl in ein paar Tagen umgesiedelt.

Ich hoffe, er schafft es und hat noch ein paar Monate oder Jahre, mit pünktlicher Heimchenfütterung und Platz zum Klettern und lustiger Gesellschaft…

Und vielleicht kommt doch noch einmal Luft unter diese Schwingen, die vermutlich weiter gereist sind als die meisten von uns…

Ich wünsche es ihm.

In den nächsten Wochen werden wir ihn besuchen, wenn er noch lebt.

P.S.: wer über meinen auf den Bildern deutlich sichtbaren Bauch spottet, kriegt Haue. ;-)

P.P.S.: wer der Meinung ist, daß so viel Worte und so viel Aufwand für einen halbtoten Vogel zu viel sind, kriegt keine Haue, sondern den Wunsch mit auf den Weg, daß ihm einmal ein „Tier“ begegnen möge. Wirklich begegnen, nicht nur auf dem Teller, und nicht nur so, wie man flüchtig den Hund eines Bekannten tätschelt. Eine Begegnung, wo die Grenzen verwischen, wo die kindliche Illusion, der Mensch wäre etwas „Besseres“, sich auflöst. Wo zwei Wesen sich gegenüberstehen, die sich unterschiedlich fortbewegen und auf andere Art kommunizieren, aber ansonsten auf Augenhöhe sind. Es rückt die Dinge ein wenig zurecht.

P1000533Und wer Infos zu Mauerseglern haben möchte oder selbst einen gefunden hat etc.pp.: Informationen und Anlaufstellen gibt es u.a. beim Arbeitskreis Mauersegler des LBV München (dort gibt es auch die Münchner Adressen), bei der Deutschen Gesellschaft für Mauersegler, oder allgemein beim Projekt „Wildvogelhilfe“ .

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