Hans Leyendecker, seines Zeichens ein nicht ganz unbekannter Journalist (früher Spiegel, aktuell SZ), hatte sich neulich in einem Interview höchst entlarvend über sein Verhältnis zur Politik und politischen Bloggern ausgelassen. Ein hübsches Exemplar seiner Kaste und wahrlich beispielhaft.

U.a. verlautete aus seinem berufenen und sich bei diesem neuzeitlichen Thema mehrfach verheddernden Munde über die bösen Blogger:

„Nur ich find, in Deutschland (das was ich jedenfalls sehen kann) ist eine unglaubliche antidemokratische, antiparlamentarische Form, die eigentlich von der Vorverachtung lebt.“

Oder auch:

„Leute, die in Blogs schreiben, sind zum Teil antidemokratisch. Es gibt eine Vorverachtung für jedermann. Ein Großteil der Blogs, die ich lese, ist zynisch, ist verachtend, ist böse, ist gegen jedermann.“

Irrtum, Herr Leyendecker. Oder besser gesagt – was hat Er denn gedacht?

Gut, Leyendecker selbst gehört sicher noch zu den Profilierteren, hat durchaus ein paar Leuten auf die Zehen getreten, und hat, von seinem undurchsichtigen Rückzieher in Sachen Grams/Bad Kleinen abgesehen, vergleichsweise viel Rückgrat gezeigt.

Doch hätten er und seine Kollegen sich nicht jahrzehntelang an die diskreten Spielregeln des gepflegten „gesellschaftlichen Diskurses“, den Leyendecker so vehement einfordert, gehalten, hätten sie sich getraut, gelegentlich die wirklich zentralen Fragen zu stellen, Rückgrat zu zeigen, die Wurzeln beim Namen zu nennen, statt ein paar dekorative „Skandale“ hochinvestigativ und auflagenträchtig „aufzudecken“, klar Stellung zu beziehen, was den Weg dieses Landes angeht – dann wäre die Situation heute vielleicht eine andere, und ein paar Blogger schrieben weniger „verachtend“.

So aber? Es ist keine Vorverachtung. Es ist eine recht späte Nachverurteilung… Die Mainstream-Medien haben das Kasperltheater von der „freien Presse“ gegeben, wenig Applaus, aber langwierige Vorstellung – sie haben Pseudo-Kritik geübt und ein paar Bauernopfer geschlachtet. Doch die Grundfesten der FDGO (Zinswirtschaft, Börse, „indirekte Demokratie“, vermurkster Parlamentarismus, innige Verflechtung von Staat und Wirtschaft, etc.pp.) – die hat man ausgeklammert. Nie wirkliche, grundlegende (System-)Kritik geübt, nie ernsthaft weitergedacht.

So auch im sog. Krieg gegen den Terror, wo die meisten toitschen Blätter immer noch in Treue fest an der Seite der Kriegstreiber und Volksentrechter stehen.

Heute hat der antidemokratische und seine Bürger vorverachtende Deutsche Bundestag das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung durchgewunken.

524 abgegebene Stimmen, 366 JA-Stimmen, 156 Nein-Stimmen, 2 Enthaltungen.

Was dieses Gesetz (und die Agenda, zu der es gehört) bedeutet, ist jedem halbwegs informierten Menschen bekannt. Daß man sich in Sachen „Parlamentarismus“ ein paar grundlegende Gedanken machen sollte, ebenfalls. Doch nur ein (vergleichsweises) Käsblatt wie der Donaukurier brachte es fertig, entsprechend deutlich Position zu beziehen – die letzte Wochenendausgabe erschien aus Protest gegen den Überwachungswahn mit vollständig geschwärzter, freiwillig selbstzensierter Titelseite. Eine rühmliche Ausnahme.

Nein – in diesem Land, mit diesen Medien, mit dieser völlig abgehobenen Politkaste gibt es keinen Diskurs mehr. Schon gar nicht den gepflegten Wohlfühl-Diskurs mit der verdauungsfördernden kleinen Prise Skandal und Kritik, den „professionelle“ Journalisten und die in Narrenfreiheit operierenden „Volksvertreter“ bevorzugen…

Für mich hat sich die BRD heute erledigt. „Stasi 2.0“ ist kein Aufkleber mehr, ist auch nicht die Wirklichkeit – wir sind längst weiter.

Oder, um den augenscheinlich zu Altersweisheit gelangten Ex-Minister Burkhard Hirsch zu zitieren, aus einem Artikel, den er schon im April in der SZ veröffentlichte: „Die Zeit freundlicher Kritik und ständiger Mahnung, bei der Terrorismusbekämpfung Augenmaß zu wahren, geht zu Ende. Nun ist Widerstand geboten.“

Selbstredend stellt Hirsch nicht die angebliche Bedrohung durch den sog. Terrorismus in Frage, oder benennt 9/11 als den Reichstagsbrand der Neuen Weltordnung, aber immerhin. Deutliche Töne für einen Ex-Politiker…

Genutzt hat es nichts.

Deshalb verändert sich auch künftig der Schwerpunkt meines Blogs:

Ich werde mich kaum noch mit den täglichen Abartigkeiten der Politik in der BRD und ihrer gefilterten Wiederkäuung in den staatstragenden Medien befassen. Jedes Fitzelchen Energie ist da verschwendet – jedenfalls aus meiner Sicht.

Andere, wie das Politblog oder Netzpolitik.org, kämpfen und zetern wacker weiter – ich wünsche ihnen, daß sie viele Köpfe erreichen und wachrütteln.

Ich dagegen bereite die nächste Stufe vor – hier wird man künftig mehr „Konstruktives“ lesen, wenn auch nicht im Sinne von Leyendecker & Co.

Von Persönlichkeitsentwicklung über Survival und (praktischen) passiven wie aktiven Widerstand, alternative Lebensformen und fröhliche Schattenwirtschaft, spirituelle Themen, Hochtechnologie jenseits des Mainstreams, bewahrenswertes Schönes, und auch sonst so allerlei, was parallel, außerhalb und vor allem NACH diesem fehlgeschlagenen Versuch des Parlamentarismus nützlich und gut sein wird.

Auch wenn es an einem solchen Tag fast schon wieder „zynisch“ klingen mag: ich freue mich auf die Zukunft!

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